Kinder und Bewegung

Bei manchen Kindern hat man manchmal das Gefühl, dass sie einfach nicht still sitzen können. Hyperaktivität oder mangelnde Erziehung wird hier schnell mal in den Raum geworfen. Doch was ist normal? Ab wann muss ich mir bei einem sehr bewegungsfreudigen Kind anfangen Gedanken zu machen?

Leon geht seit kurzem zum Kinderturnen und in eine Mini-Fussball-Mannschaft denn er hat einen sehr hohen Bewegungsbedarf. Diesen Drang nach Bewegung kann und soll er voll ausüben… Zum Thema möchte ich euch eine witzige Geschichte erzählen, die ich gestern selbst erlebt habe.

Kinderlose oder auch werdende Eltern wissen ja oft einiges besser als Menschen die bereits Eltern sind. So hetzt man oft über die verzogenen Kinder und dass einem selbst sowas niemals passieren würde. In unserem Fall sind wir gestern auf die Urnenbeisetzung meines Opas gefahren. Die Anfahrt betrug knapp 5 Stunden, da mein Opa 500km entfernt von unserem jetzigen Wohnort beigesetzt wurde. Für Leon bedeutete das früh aufstehen und direkt nach dem Frühstück ins Auto. 5 Stunden Autofahrt – 5 Stunden still sitzen! Eine Meisterleistung für ein nicht mal 2,5 Jahre altes Kind.

Dort angekommen spielte mein Mann mit ihm am Eingang des Friedhofes und die beiden blieben sowohl von der Trauerhalle als auch vom Grab fern, damit die Familie in Stille trauern konnte. Anschließend ist man noch im engsten Kreis der Familie in ein Café gegangen und hat beisammen gesessen – bis auf Leon, der mal hier schaute, mal dort schaute, mal zur Tür rannte, mal wieder am Tisch spielte, auf den Stuhl krabbelte um auf der anderen Seite wieder runter zu krabbeln. In dem Wissen, dass es gleich wieder ins Auto geht und die nächsten 5 Stunden Fahrt verbunden mit Stillsitzen vor ihm liegen, ließen wir seinem Drang nach Bewegung freien Lauf und es störte sich auch niemand daran. Fast niemand – bis auf meine wohl schwangere Schwägerin, die ihrem Mann zu verstehen gab, dass sie hoffentlich nicht so ein verzogenes Kind bekommen, das sei ja nicht zum aushalten. Zur Antwort bekam sie, dass sie sich da keine Sorgen machen brauche, denn das läge ja an der Erziehung und dementsprechend würde das gemeinsame Kind mit Sicherheit nicht so verzogen werden…

Gekonnt ignorierte ich diese Konversation und dachte mir meinen Teil. Ich kann mir schon vorstellen, wie das bei denen mal ablaufen wird. Das Kind wird den ganzen Tag auf Manieren getrimmt, am Stuhl festgebunden und überhaupt wird die Hauptbeschäftigung so sein, dass alles gemacht werden darf, so lange es still ist und nicht tobt.

Solche Eltern wundern sich dann, warum ihre Kinder zu regelrechten Terrorkröten werden, die launisch sind, nur rumschreien, schlagen und aggressiv werden. Zudem werden sie spätestens in der Grundschule oder vielleicht sogar im Kindergarten feststellen, dass andere Kinder dem eigenen in der Motorik und auch in anderen Entwicklungsbereichen weit voraus sind.

Hier mal ein interessanter Auszug zum Thema:

Wie wir sehen, macht das Kind im Alter zwischen 2 und 5 Jahren große motorische Fortschritte. Um sich all diese neuen motorischen Fähigkeiten anzueignen, muss es ausgedehnte Erfahrungen machen können. Die motorishce Aktivität der Kleinkinder ist daher ein natürliches und nicht zu unterdrückendes Bedürfnis nach Bewegungserfahrungen. Erwachsene nehmen dieses natürliche Bedürfnis häufig als motorische Unruhe wahr, weil es sie stört und das Kind sie damit herausfordert.

Verschiedene Faktoren führen zu unterschiedlichen motorischen Betriebsamkeiten:

  • Veranlagung
  • Alter
  • Geschlecht
  • Mangelnder Auslauf
  • Beeinträchtigtes Wohlbefinden

Kinder die ihren Bewegungsdrang nicht befriedigen können, werden missmutig und bereiten oft erzieherische Schwierigkeiten. Ihre motorische Aktivität darf nicht als eine Verhaltensauffälligkeit im Sinne einer Hyperaktivität fehlgedeutet werden.

Ich persönlich lasse ja mein Kind viel lieber toben und habe Spaß mit ihm und daran ihn zu erziehen – andere dressieren ihre Kinder halt auf Sitz und Platz und verlieren dadurch die Freude am Kind weil sie auf der einen Seite das Gefühl bekommen in der Erziehung zu versagen und auf der anderen Seite dabei zusehen müssen, wie andere Kinder vor allem in motorischer Hinsicht immer schon mehr können als das eigene Kind.

Zitatquellen: Remo H. Largo – Babyjahre

8 Kommentare zu „Kinder und Bewegung“

  1. Was glaubst Du, was erst für ein Gerede aufkommt, wenn man ein ADHS-Kind dabei hat? Da sind bei uns ganze „Freundschaften“ den Bach runter gegangen.
    Bekannte: „Bringt ihr den etwa auch mit zur Feier?“
    Wir: „Klar oder sollen wir ihn lieber alleine zu Hause im Keller einsperren? Ach so, wir kommen gar nicht zur Feier. Schönes Leben noch!“

    Btw.: cooles Foto!

  2. Ja das ist schon schlimm, das Unwissen und Nichtverständnis anderer Menschen.
    Wie und wann wurde das ADHS bei euch diagnostiziert? Wird euer Kind in irgendeiner Form deswegen „behandelt“?

  3. Als er ca. 4 war. Zur „Behandlung“ schreibe ich jetzt mal nichts, das Thema ist zu komplex, um es in ein paar Worte zu fassen. Immerhin ist er von den Medis wieder runter.

  4. Ist es denn durch die Medis wenigstens besser geworden oder hat es nichts gebracht. Oft wird ja auch ADHS diagnostiziert obwohl eine Hochbegabung vorliegt, weil die Anzeichen sehr nah beieinander liegen. Habt ihr ihn in der Richtung schon mal testen lassen?

  5. Na ja, er ist sicherlich nicht doof, aber hochbegabt …

    Die Medis hatten sicherlich etwas gebracht, wobei man da ja genau hinsehen muss. Die meisten (unwissenden) Eltern halten es ja immer für Beruhigungspillen und stopfen ihre Bälger beim kleinsten Geräusch gleich voll.

  6. Unser Zwerg ist ja auch sehr aufgeweckt und selten zu bremsen, höre auch oft ADHS oder Hochbegabung…
    nunja… da gibt es aber doch auch noch andere „Therapiemöglichkeiten“ (sorry wie nennt man das bei ADHS?)als Medikamente, oder? Ich hab da vor kurzem mal nen Bericht gesehen, über ne sehr erfolgreiche Möglichkeit im „Kampf gegen ADHS“ ich weiß aber gar nicht mehr genau um was es da ging, jedenfalls hat es die Kids von den Medis runtergebracht und sie waren nicht mehr so „auffällig“ man hat es ihnen nicht merh angemerkt und auch die Kids haben sich super wohl dabei gefühlt.

  7. Viele Dinge haben Einfluss auf das Verhalten und / oder unterstützen die Konzentrationsstörung. Ernährung, strukturierte Abläufe, Therapien.

    Es gibt halt keine Patentlösung, wie z. B. bei Schnupfen.

  8. Ja das stimmt wohl, was bei dem einen Kind hilft kann beim nächsten das genaue Gegenteil bewirken.

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